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Johann Andreas Eisenbart(h)


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Johann Andreas Eisenbart
im Alter von 35 Jahren,
Porträtkupferstich für
Werbeflugblätter (1698)
(Repro: spontan)

Eisenbart-Wappen
(Graphik: Hartung)

Wappenbeschreibung von Heinz Hartung:
In Rot auf silbernen Boden ein silberner Strauß mit Hufeisen im Schnabel. Über dem Bügel- helm wachsend ein golden gekrönter bärtiger Ritter in silberner Rüstung, einen goldenen Polypen- haken in der Rechten, eine goldene Starnadel in der Linken. Decken: Silber-Rot.

Eisenbart Kurzbiographie
Mobile Poliklinik mit Animateuren

Johann Andreas Eisenbart wurde am 27. März 1663 in Oberviechtach geboren. Sein Vater und sein Großvater übten den Beruf des Chirurgus (Wundarzt) aus, einem damals vollkommen eigenstaendigen Handwerk. Der akademische Arzt, war bis Mitte des 18. Jh. nur für die innere Medizin zuständig.
Nach dem Tod seines Vaters Matthias 1673, kommt er zu seinem Schwager, Alexander Biller, dem Bamberger Wundarzt (Okulist, Stein- und Bruchschneider) in die Lehre. Bei ihm legt er 1684 mit einer Staroperation seine Gesellenprüfung ab.

Von Altenburg in Sachsen aus nimmt er ab 1686 seine Wanderarzttätigkeit auf. Der ehrgeizige, junge Arzt macht durch zahlreiche Heilungen auf sich aufmerksam. Nebenbei ist er in der Erlangung von Privilegien sehr erfolgreich. Sie erlauben ihm in vielen Ländern (Deutschland hatte hunderte Fürstentümer) auf Jahr- und Wochenmärkten als Arzt auszustehen und selbstgefertigte Wund- und Arzneimittel zu verkaufen. Auf Flugblättern wirbt er mit seinen Heilerfolgen und Serviceleistungen.

Aus seiner Praxiserfahrung heraus, entwickelt Eisenbart eine Starnadel und einen Haken zur Entfernung von Nasenpolypen (zumindest werden diese Instrumente als seine Erfindung ausgegeben), die er auch in sein Wappen aufnehmen läßt.

Der später sehr erfolgreiche Prof. Dr. Med. Lorenz Heister (1683-1758) beobachtete als Gymnasiast und Medizinstudent Eisenbart bei seinen Operationen und schilderte 1753 vier mustergültige Operationsmethoden Eisenbarts zu Hoden- und Wasserbruch, Kropf und Star in seinem Buch Medicinische Chirurgische und Anatomische Wahrnehmungen ausführlich.

1703 erwirbt Eisenbart in Magdeburg ein Wohn- und Brauhaus und das Bürgerrecht. So hat er bei aller Wanderschaft doch einen ständigen Wohnsitz; dort betreibt er Arzneimittelfabrikation im großen Stil.
Auf seinen Reisen begleiten ihn in dieser Zeit zu PR-Zwecken Gaukler, Musiker, Tänzer und eine Theatergruppe. Außerdem stellt er andere Ärzte ein, die ihm nicht so vertraute Krankheiten, z. B. Zahn- und Frauenleiden, behandeln.

Den ganzen Troß muß man sich als eine Art mobile Poliklinik mit großem Public-Relation-Team und Animateuren vorstellen.

Ab 1716 ändert Eisenbart seine Vorgehensweise. Da allgemein Auftritte von Gauklern, Komödianten, Taschen-, Marionetten- Puppenspielern usw. auf Jahrmärkten in Preußen verboten werden, paßt Eisenbart sich an und praktiziert in vornehmen Gasthöfen und Privathäusern.

Am 11. November 1727 stirbt Eisenbart in Münden. Er lebt als Legende weiter, um 1800 entsteht das Lied vom Doktor Eisenbart. 1837 wird der in Vergessenheit geratene Grabstein in Münden zufällig wiederentdeckt.
(pä)

Weitere Links zum Thema
Dr. Erich Mathieu über Eisenbarth

Quellen
Pies: Ich bin der Doktor Eisenbarth  
Heister: Medicinische Chirurgische ...
Brethauer: Doktor Eisenbart
May: Münden ..., Seite 208 ff

Fußnoten

... die fremden Aerzte aber wollten solche Leute nicht gern mit Bruchbändern zu heilen übernehmen, theils weil sie sich ordentlich, nicht länger, als die Meße daurete, daselbsten aufhielten, in welcher kurzen Zeit man nicht leicht einen solchen Bruch mit einem Bruchband curiren konnte: theils auch, wenn sie es auch gekonnt hätten, deswegen nicht thun wolten, weil man ihnen für eine Cur mit dem Bruchband nicht gern über einen Thaler oder Ducaten bezahlen wolte, hingegen aber für eine Schnitt-Cur, als welche viel theurer geschätzt würde, zu 10, 20, bis 5O Thaler und mehr von wohlhabenden Leuten bezahlt wurden, und also hauptsächlich? von die sen Schnitt-Curen leben mußten. Dieser herumziehende Arzt [Eisenbarth] nahm ihn, also auf derer Eltern Verlangen, in seine Cur, und nachdem er ihn purgiert [abgeführt] hatte, folgenden Tage mit selbigen den Schnitt auf folgende Manier vor.

Er setzte einen bequemen Tisch mitten in das Zimmer, nahe an das Licht gegen das Fenster, legte den Knaben, nach untergelegten Kissen, darauf, und zwar so, daß der Hintere und Füsse etwas höher lagen, als der Kopf (wahrscheinlich darum, daß die in das Gemächte herausfallende Därme dadurch desto leichter in den Leib gebracht werden möchten), liese ihn also durch seine vier bis fünf mitgebrachte Bediente an denen Armen und Beinen wohl halten, drücke darauf die ausgefallene Därmen durch den Ort, wo sie herausgefallen, wieder in den Leib, liesse hierauf die Haut am obersten Teil des Gemächtes in die Quer aufheben, und schnitt selbige auf, schnitte alsdann tiefer oder weiter bis auf den Samen- strang (funiculus seminalis) durch, lösete selbigen oben auf dem Schambein von denen Theilen, an welche er angewachsen, ab, band eine Schnur oder Bändgen doppelt herum, lösete den Hoden mit denen Fingern aus dem Hodenbeutel ab, wobey der Knabe sehr heftig schrie, und schnitte ihn einen Daumenbreit ohngefehr unter der Bindung weg, wobei wenig Blut vergossen wurde; füllte darauf die Wunde und geöffneten Hodenbeutel mit zusammengerollten Carpierbäusgens voll, legte ein Wundpflaster, Compresse und Binde darum, und schrieb ihm eine gute Diät vor in Essen und Trinken. Folgende Tage verbande er ihn täglich zweymal, als Morgens und Abends mit Eyeröl und Carpie, nebst dem vorbemeldeten Pflaster, und der Binde (wobey ich fast alle Tage gewesen). Den sechsten Tag ware das umgeknüpfte Bändgen ohne alle Schmerzen abgefallen, worauf derselbe fortfuhre noch weiter mit diesem Eyeröl täglich zweymal zu verbinden, bis die Wunde endlich bald nach 3 Wochen völlig, ohne daß ein übler Zufall dazugekommen, geschlossen und geheilet ware.

  • Das Lied Ich bin der Doktor Eisenbart aus einem studentischen Kommersbuch von 1815 (5 von 12 Strophen):

Ich bin der Doctor Eisenbarth,
Kurier die Leut' nach meiner Art,
Kann machen, das die Blinden gehn
Und das die Lahmen wieder sehn.

Zu Wimpfen accoucierte ich
Ein Kind zur Welt gar meisterlich.
Dem Kind zerbrach ich sanft das G'nick,
Die Mutter starb zum großen Glück.

In Potsdam trepanierte ich
Den Koch des großen Friederich.
Ich schlug ihm mit dem Beil vorm Kopf,
Gestorben ist der arme Tropf.

Zu Ulm kuriert ich einen Mann,
Daß ihm das Blut am Beine rann,
Er wollte gern gekuhpockt seyn,
Ich impft's ihm mit dem Bratspieß ein.

Des Küsters Sohn in Dideldum
Dem gab ich zehn Pfund Opium.
Drauf schlief er Jahr, Tag und Nacht,
Und ist bis jetzt noch nicht erwacht.

[abgetippt von Wiebke, damals 8 Jahre]


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