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Jan Hoet


[3 Räume - 3 Flüsse] [Jan Hoet]


Berliner Zeitung - Feuilleton

15. Mai 1999

 

Das Lebenswerk des Jan Hoet

von Manfred Schwarz

Gent in Flandern eröffnete endlich sein Museum für zeitgenössische Kunst.

Der Dauerstreit um ein eigenes Museum für Gents städtische Sammlung zeitgenössischer Kunst, als deren Leiter Jan Hoet vor beinahe fünfundzwanzig Jahren berufen wurde, ist vorüber. In einer umgebauten Festhalle aus den vierziger Jahren kann sich das Stedelijk Museum voor Actuele Kunst (S.M.A.K.) nun großzügig präsentieren. Fast hätte Hoet nicht mehr daran geglaubt, mit seiner Sammlung aus der Unterbringung in den Kellerräumen des gegenüberliegenden Museums der Schönen Künste in ein eigenes Haus zu ziehen. Stehvermögen und Nehmerqualitäten des Amateurboxers waren selbst dann noch nötig, als er in den achtziger Jahren durch weitbeachtete und wegweisende Ausstellungen Gent als Fixpunkt im aktuellen Kunstgeschehen etablieren konnte.

Dort war zwar 1975 durch die Initiative eines Kunstvereins Belgiens erste öffentliche Sammlung zur Kunst der Gegenwart gegründet worden, doch im mitunter verbissen geführten Wettstreit der flämischen Städte konnten zunächst nur Antwerpen und Brügge ihre Häuser für zeitgenössische Kunst eröffnen. In Gent dauerte es länger, bis man die moderne Kunst als Standortfaktor entdeckte. Groß waren lange Zeit auch die Widerstände gegen Jan Hoets durchaus eigenwillige und experimentierfreudige Ankaufspolitik.

Man fragt sich nur, warum das seit den achtziger Jahren funktionslose Kasino von 1948 ansprechend mit seinen ausgewogenen Proportionen, der unaufdringlichen Monumentalität und der strengen Fassadengliederung nicht schon längst für die Kunst genutzt wurde. Erst nachdem sich Jan Hoet 1992 als Leiter der documenta 9 eine auch in Gent nicht mehr übersehbare internationale Reputation erwarb, begann man dort nach Lösungen zu suchen. Schließlich plante der junge Genter Architekt Koen Van Nieuwenhuyse in enger Zusammenarbeit mit dem Museumsleiter den fünfzehn Millionen Mark teuren Umbau des Kasinos.

Im Vordergrund stand dabei die programmatische Absage an jegliche Selbstinszenierung der Architektur. Maßgeblich waren allein die räumlichen Bedürfnisse der Sammlung und die möglichst weitreichende Einbeziehung des Tageslichts. In der Sicht Jan Hoets gleicht die Entstehung zeitgenössischer Kunst einer Geburt, und das Museum ist für ihn ein guter Ort, an dem sich diese verfolgen läßt. Monatlich wechselnde Themenschwerpunkte und Einladungen an Künstler, einzelne Räume zu gestalten, sollen die Sammlung als Energiefeld und Laboratorium vor musealer Überhöhung bewahren.

In der ersten Auswahl aus den etwa zweitausend Werken des Museums setzt Hoet den Akzent auf die Neuerwerbungen der letzten Jahre, darunter Arbeiten von Thomas Hirschhorn, Anselm Kiefer und Manfred Pernice. Aber auch die sehr persönliche, niemals auf kunsthistorische Vollständigkeit angelegte Struktur der Sammlung wird in ihrer Gesamtheit erstmals sichtbar. Zu Hoets bevorzugten Themen gehören zweifellos die künstlerische Verarbeitung organischer Formen, die Reflexion des Herstellungsprozesses und die Selbstbefragung des Künstlers. Protagonisten der Sammlung sind die Belgier Panamarenko und Broodthaers sowie Beuys, alle drei mit bedeutenden Ensembles vertreten. Einen Höhepunkt bildet die Installation "Wirtschaftswerte", die Beuys 1980 für eine Genter Ausstellung einrichtete.

Überhaupt steht ein Großteil der Erwerbungen in Zusammenhang mit Projekten Jan Hoets. Tiefe Spuren, auch im europäischen Kunstbetrieb, hinterließ die Ausstellung "Kunst in Europa nach 1968" von 1980, die einen wichtigen Beitrag zur Verbreitung von Minimal-art, Land-art und Konzeptkunst leistete. Einen weiteren Schwerpunkt bildet die Arte povera, als deren Promotor Hoet lange wirkte. Das S.M.A.K. besitzt eine Auswahl gewichtiger Arbeiten von Yannis Kounellis, Mario Merz, Luciano Fabro oder Michelangelo Pistoletto. Auch bei Jan Hoets spektakulärster Aktion, den "Chambres d Amis" von 1986, als in fünfzig Genter Stadtwohnungen die Kunst in unmittelbarem Dialog mit dem urbanen Leben trat, waren Künstler der Arte povera maßgeblich beteiligt.

Die Vorbereitung der documenta erweiterte Hoets Perspektive nachhaltig. Mögen auch nicht alle jüngeren Zugänge den Rang von Ilya Kabakovs "Toilette" oder David Hammons "Chasing the Blue Train" erreichen, so beeindruckt dennoch die Stringenz, mit der Jan Hoet seine Themen weiterverfolgte. Nicht minder auch die Konsequenz seiner Ausklammerungen: Die Rückkehr der Malerei seit den achtziger Jahren etwa blieb in der Sammlung weitgehend unbeachtet.

Ein Service von Berliner Zeitung, TIP BerlinMagazin, Berliner Kurier und Berliner Abendblatt. © 2000 G+J BerlinOnline GmbH

[Dieser Artikel wurde am 12. 6. 2000 mittels Internet dem Textarchiv der Berliner Zeitung entnommen. A.d.R.]

Fußnote

Jan Hoet, geb. 1936 in Leuven, Belgien, lebt in Gent

Nach seinem Studium der Kunstgeschichte und Archäologie arbeitete Jan Hoet am Stedelijk Museum Voor Aktuele Kunst (ehem. Museum Van Hedendaagse Kunst) in Gent, das er seit 1975 leitet. 1992 verantwortete er als künstlerischer Leiter die DOCUMENTA IX.

Zu den zahlreichen Ausstellungen, die Jan Hoet seit 1975 durchführte, gehören Einzelpräsentationen internationaler Künstler wie Joseph Beuys, Bruce Nauman (1991) und Marina Abramovic (1996) sowie etliche thematische Ausstellungen mit dem Schwerpunkt zeitgenössische Kunst , u.a. "Kunst in Europa nach ´68" (1980), "Chambres d´amis" (1986) und "Open Mind, Closed Circuits" (1989). Hoet kuratierte außerdem viele Ausstellungen im europäischen Ausland, sowie in Japan und Kanada.

Jan Hoet am 11. 2. 2000 im Internetcafe in der Langen Str. in Hann. Münden

(Bild: Pätzold)

1998 wurde er von der Stadt Hann. Münden für 76.694,- EUR  zum Kurator für die Ausstellung "3 Räume-3 Flüsse" berufen.

Seit 1999 kann er sich mit seinem S.M.A.K (Stedelijk Museum voor Actuele Kunst) in Gent großzügig präsentieren.


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